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Karlheinz Horstmann, der früher mit der Wartung unserer Turmuhr beauftragt war, schrieb uns den folgende Artikel und stellte uns das Bildmaterial zur Verfügung.
Tempus fugit
"Die Zeit flieht" und wir eilen mit. Wie oft stellt sich die Frage: Mit wem kann man über dies oder jenes aus vergangenen Zeiten mal sprechen. Wer erkennt noch die Personen auf alten Fotografien. Meine Gedanken kreisen heute um den Barnstorfer Kirchturm und seine Uhr.
Wenn ich in den Ferien bei meinen Großeltern auf dem Roggenberg war und mein Onkel, Adolf Plümer (1872-1939) mich mitnahm und wir auf den Turm stiegen, um die Turmuhr zu stellen bzw. zu ölen, so war das wohl meine erste Bekanntschaft damit. (ca. 1928)
Nun aber zu den Turmuhren: Eine Kirchenuhr wird erstmals 1734 erwähnt. In einem Kirchenvisitationsbericht vom 15. April heisst es:
"Die Orgel ist schlecht, die Uhr aber, nachdem sie gleichfalls repariret, in gutem Zustand."
d.h. die Uhr ist älter und vor 1734 eingebaut. - Ich kann mich noch erinnern, dass so ein altes Uhrwerk in einer Ecke im Turm stand, viele Räder fehlten schon, aber als Fachmann möchte ich behaupten, dass es das erwähnte Werk von vor 1734 war. Wann es aus dem Turm entfernt ist, kann ich nicht sagen. Jedenfalls in Unkenntnis der Dinge sehr schade! Aber in Museen habe ich solche Werke gesehen und fotografiert. In den Kirchenrechnungen liegt eine Rechnung vom 17.11.1860 über die Reparatur der Turmuhr:
gründliche Reinigung 5 Reichstaler, 10 Silbergroschen von J.G. Plümer Uhrmacher (1841-1922) (Das war der Vater meines Onkels Adolf Plümer.)
1878 wurde eine neue Turmuhr der Fa. Weule aus Bockenem/Harz eingebaut. Ein alter Kostenanschlag, handgeschrieben in alter deutscher Schrift, über 1464 Mark liegt vor. Es war eine einfache Turmuhr mit Gang- und Schlagwerk (halb und voll), hatte ein Z iffernblatt an der S ü d s ei t e in R ic h t u ng Huntebrücke (siehe Bild). Die Schlagwerkglocke hängt in einem kleinen Ausbau fast an der Spitze des Turms. Zwei aus Naturstein geschlagene Gewichte lagen im Turm. Ob sie zu der uralten oder zu der von 1878 gehören, konnte ich nicht ermitteln. Eins dieser Gewichte treibt heute nach der Renovierung von 1998 das Betglockenwerk an.
1948 ist das jetzige Werk, ebenfalls von der Fa. Weule aus Bockenem/Harz eingebaut, siehe Rechnung vom 21.2.1948. Es hat Gehwerk, Viertel- und Vollschlagwerk sowie ein Betglockenwerk. Weitere Ziffernblätter und eine zweite Glocke für den Vollschlag wurde oben am Turm montiert.
Da ich erst im Mai 1948, kurz vor der Währung, aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte, kann ich aus dieser Zeit wenig berichten.
Nach meiner Lehre und der Wiedereröffnung des alten Plümerschen Geschäftes, habe ich nach 1952 aus Familien-Tradition die Überwachung und Pflege der Turmuhr fortgesetzt. Dieses 1948 eingebaute Werk ist mit elektrischem Aufzug ausgestattet. Der Küster brauchte nicht mehr alle 8 Tage zum Aufziehen auf den Turm steigen. Je nach Wetter und Temperatur wird die Ganggenauigkeit solch eines mechanischen Werkes beeinflusst.
Ab 1957 habe ich jede Reglage und Na chölung notiert. In den 40 Jahren (bis 1997) habe ich den Turm 565 mal bestiegen. Im November 1959 stand die Uhr infolge eines Bruchs der Pendelfeder. Nach dieser Reparatur hat das Werk seinen Dienst unermüdlich geleistet bis nach 30 Jahren im März 1989 mal wieder Pause war. Sie wurde wieder erneuert.
Was für eine Leistung solche Pendelfeder (2 nebeneinander liegende Stahl-Flachbleche, 16,0 mm breit und nur 0,45 mm stark) erbringen muss, mögen einige Zahlen verdeutlichen. In den verflossenen 45 Jahren (1946 bis 1991) hat so eine Pendelfeder, an der ein Gewicht von ca. 15 kg hängt, sich in dem berühmten "Tick-Tack-Rhythmus" 1.277.208.000 mal hin- und herbewegt.
Zweimal wurde das Werk stillgelegt, weil 1974 der Turm renoviert wurde, die beiden schweren Stahlglocken ausgebaut wurden und 1989-90 der Turm neu gedeckt wurde.
Am 24.8.1996 habe ich mit Einverständnis das Uhrwerk angehalten. Folgende Gründe gaben mir den Anstoss dazu: Seit längerer Zeit differierten 2 Ziffernblätter ca. 10-15 Minuten gegenüber der richtigen Zeit. Ein Zugseil für den Viertelschlag war gerissen. Die Glocke für den Vollschlag, die sich oben am Turm befindet, wackelte erheblich und das ergab manchmal doppelte Anschläge. Die Krähen hatten durch ihren Nestbau da oben auch dazu beigetragen.
Eine gründliche Überholung war also erforderlich und dem entsprechende Kostenvoranschläge mussten erstellt werden. Die verantwortlichen Gremien mussten nun entscheiden über:
- Überholung des mechanischen Werkes von 1948. Zusätzliche Inbetriebnahme des Betglockenwerkes mit Einbau eines neuen Schlaghammers an der großen, der ältesten Glocke von 1519.
- Umstellung der gesamten Anlage auf elektrischen Betrieb, d.h. eine neue funkgesteuerte Mutteruhr, Motorwerk für Zeigerantrieb, Motorschlagwerke für die Viertelschla und die Vollschlagglocke oben am Turm und für die große Betglocke von 1519.
Man entschied sich für den Behalt des mechanischen Werkes. Die Reparatur erfolgte dann nach langen Verhandlungen. Ab Oktober 1998 zeigten alle 4 Zifferblätter wieder die richtige Zeit an und die Glocken tönten nun wieder, je nach Windrichtung laut oder leise, über unser Banstorf hinweg.
Zu den 9 Betglockenschlägen (morgen, mittags und abends) noch ein alter Spruch:
Dree vörn Pastor - dree vörn Kantor - dree vörn Dreier (Küster).
Ein Rückblick in vergangene Zeiten. Ich denk gern daran zurück. Barnstorf im November 2000.
Karlheinz Horstmann
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